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  • 16.06.2013 22:54 - „Wir leben in einem Ozean der Verblödung“
von andreas.eick in Kategorie Allgemein.

Mario Vargas Llosa

„Wir leben in einem Ozean der Verblödung“



Mario Vargas Llosa hat eine gallige Polemik gegen die Kultur von heute geschrieben. Jetzt erklärt er, wie es zur allgemeinen Zerstreuung kam und ruft die Intellektuellen zu mehr Selbstbewusstsein auf.

Wer die Wohnung von Mario Vargas Llosa in Madrid betritt, trifft auf einen eleganten Gentleman alter Schule, der Hauspersonal beschäftigt, das die Mineralwassergläser auf Untersetzer stellt. Der einstige Linksutopist hat sich in den letzten Jahren zu einer kulturkonservativen Kassandra gewandelt, die "sehr bezweifelt, dass die Leser von Romanen und Gedichten in Spanien die Tribünen von Real Madrid füllen können".

Welt am Sonntag: Ihr Freund Günter Grass fiel nach der Verleihung des Literaturnobelpreises in eine schwere Depression. Haben Sie ähnliche Nebenwirkungen bei sich beobachtet, als Sie vor drei Jahren den Preis bekamen?

Mario Vargas Llosa: Nein, aber ich kann verstehen, dass Günter sich unter enormem Druck fühlte. Den Nobelpreis zu bekommen ist eine Woche lang ein Märchen – und dann ein Jahr lang ein grotesker Albtraum. Sie sollen zu allen Buchmessen dieser Welt fliegen, zig Ehrendoktorwürden entgegennehmen und auf endlosen Lesetouren zahllose Interviews geben. Man findet keine Ruhe zum Schreiben und fühlt sich wie ein Taucher, dem seine Sauerstoffflaschen gestohlen wurden. Ein Schriftsteller soll auf ein leeres Blatt Papier schauen. Meine Lektion war, dass Einsamkeit das Grundnahrungsmittel für unsereins ist.

Welt am Sonntag: Ihr jüngstes Buch "Alles Boulevard" ist eine Fundamentalkritik der zeitgenössischen Kultur. Sie polemisieren gegen die "Schwindelware" von Damien Hirst, gegen die "albernen Fummel" von John Galliano und betrauern die Entmachtung der intellektuellen Eliten. Was gibt Ihnen das Gefühl, in einer kulturellen Trümmerlandschaft zu leben?

Vargas Llosa: Was ich für Kultur halte, ist in den vergangenen fünfzig Jahren weitgehend verschwunden. Heute herrscht eine globale Zerstreuungskultur, die mit ihren frivolen Banalitäten den Alltag der Menschen schmieren soll. Das Bild ersetzt die Schrift, Gefühle sind wichtiger als Gedanken. Diese Light-Kultur hat weder Substanz noch Würde. Sie ist konformistisch und dient nur noch dem Zeitvertreib. Wörter wie Ideal, Brüderlichkeit, Schöpfung, Seele bedeuten nichts mehr. Damit wird zerstört, was unserer Zivilisation Sinn, Inhalt und Ordnung gibt.

Welt am Sonntag: Ist es für Sie ein Frevel, dem Einerlei des Alltags mit einem Roman von Dan Brown entkommen zu wollen?

Vargas Llosa: Ich postuliere nicht, dass Kultur einen in lähmende Verzweiflung stürzen soll. Ein Roman wie "Don Quijote" ist großartige Unterhaltung. Man sollte aber nicht verschweigen, dass Kultur ohne Bildung nicht zu haben ist, und Bildung bedeutet Anstrengung, Konzentration, Reflexion und Hingabe. Ein Sonett von Shakespeare mutet heute so exzentrisch an wie die scholastischen Dispute des Mittelalters über das Geschlecht der Engel.

Welt am Sonntag: Ignorieren Sie bei Ihrer Schwarzseherei nicht, dass im Fernsehen neue Formen ...

Vargas Llosa: Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche, aber ich weiß bereits, was jetzt kommt. Sie wollen mir Serien wie "The Wire" vorhalten. Deren Erzählkunst ist in der Tat höchst beeindruckend. Aber warum mit Ausnahmen von der Regel argumentieren? "The Wire" ist eine winzige Insel in einem Ozean der Verblödung. Und was das Deprimierendste ist: Die Einschaltquoten waren alles andere als beeindruckend. Auch "The Wire" beweist am Ende nur, dass Hochkultur eine Enklave von Minderheiten geworden ist.

Welt am Sonntag: Ein Vierzehnjähriger von heute erreicht über Facebook mehr Zeitgenossen als Cäsar vom Kapitol aus auf dem Höhepunkt seiner Macht. Welche Folgen wird das haben?

Vargas Llosa: Medien wie Facebook und Twitter befördern es, dass auch Durchschnittsmenschen einen Persönlichkeitskult um sich entwickeln. Das delphische Gebot lautete: Erkenne dich selbst. Heute geht es darum, sich neu zu erfinden. Nicht die Begegnung mit sich selbst wird gesucht, sondern ein Idol, dem man ähnlich werden will. Die Folgen sind fatal. Das Leben wird nicht länger gelebt, sondern nur noch dargestellt, so wie ein Schauspieler eine Rolle verkörpert.

Welt am Sonntag: Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk schrieb kürzlich: "Wo früher das Volk war, gibt es jetzt das Celebretariat, bestehend aus latent Berühmten, denen zu ihrem Glück vermeintlich nichts fehlt, außer dass sie entdeckt werden müssten." Warum ist Berühmtheit zum Lebensziel geworden?

Vargas Llosa: Zum einen weil Ruhm heute gleichbedeutend ist mit Reichtum, zum anderen weil der Irrglaube grassiert, Berühmtheit würde die Anonymität des Massenmenschen transzendieren. Der Wunsch, kein Massenmensch zu sein, definiert heute den Massenmenschen.

Welt am Sonntag: Der Untergang des Abendlandes wird in der Regel von älteren Intellektuellen beklagt, denen der Sprit ausgeht. Sind Sie ein Kulturpessimist?

Vargas Llosa: Nein. Wäre ich Pessimist, würde ich mein Leben nicht dem Schreiben widmen. Wer schreibt, hat Hoffnung und glaubt an Veränderung. Es bringt mich auf, dass die alten Eliten resigniert haben. Sie sehen die Marginalisierung der Kultur als unaufhaltsam an. Dieser Fatalismus ist ein Denkfehler. Geschichte ist nicht vorherbestimmt, sondern ein leeres Blatt. Unser eigenes Tun und Lassen entscheidet darüber, was auf dieses Blatt geschrieben wird. Geschichte wird von Menschen gemacht, die die Wahl haben.

Welt am Sonntag: Sie sind der führende Intellektuelle Ihres Kontinents. Ist der politisch engagierte Schriftsteller eine Figur von gestern?

Vargas Llosa: Heute glänzen die Intellektuellen bei öffentlichen Debatten durch Abwesenheit. Es gibt keine Figuren mehr wie Bertrand Russell, Alberto Moravia oder Jean-Paul Sartre, die eine Instanz sind und den Rang eines öffentlichen Gewissens beanspruchen können. Die Gesellschaft hat das Interesse an den Intellektuellen verloren. Sie verkörpern Ideen, und die sind nicht länger gefragt. Gefragt sind Images und Slogans. Früher ließen sich Politiker im Wahlkampf gern mit bedeutenden Intellektuellen fotografieren. Heute würde ihnen das den Vorwurf einbringen, abgehoben und volksfremd zu sein. Deshalb suchen sie lieber die Nähe zu Fußballstars und Filmschauspielern. Der Intellektuelle ist eine obsolete Figur.

Welt am Sonntag: Glauben nur Intellektuelle daran, dass Intellektuelle klarer sehen als andere?

Vargas Llosa: Intellektuelle haben keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit. Wer schöne Gedichte schreibt, kann bei seinen politischen Diagnosen ein Idiot sein. Weil so viele Intellektuelle für Diktatoren wie Hitler, Stalin und Mao eingetreten sind, haben wir unsere Glaubwürdigkeit verloren. Wie kann man auf das Wort von Leuten vertrauen, die sich in der Vergangenheit derartig blamiert haben? Wir sind Zeuge der dramatischsten Veränderungen in der Menschheitsgeschichte. Die Welt von heute hat nichts mehr gemein mit der Welt vor zwanzig Jahren. Für Intellektuelle müsste das eine ungeheuer herausfordernde und produktive Zeit sein, aber niemand glaubt noch, dass die Kultur Antworten geben kann – nicht einmal die Intellektuellen selbst glauben es.

Welt am Sonntag: Halten Sie sich für einen politischen Schriftsteller?

Vargas Llosa: Ja. Für mich ist Literatur ein Instrument der Wahrheitsfindung und -vermittlung. Meine Romanfiguren haben eine rebellische Einstellung zur schlechten Wirklichkeit. Sie fordern die Welt heraus. Für mich ist das ein Akt des Widerstands und der Befreiung.

Welt am Sonntag: Stehen Sie noch zu Ihrem berühmten Satz, dass es einem moralischen Verbrechen gleichkomme, in Ländern wie denen Lateinamerikas nur ein Künstler sein zu wollen?

Vargas Llosa: Ja. Es zählt nach wie vor zu den Aufgaben eines Schriftstellers, Gewalt durch die Macht der Worte abzulösen. In meinem Heimatkontinent haben sich die Verhältnisse in den letzten Jahren gebessert. Als ich jung war, war Lateinamerika das Reich von widerwärtigen Despoten und Generälen, die ihre Länder systematisch ausplünderten. Heute werden nur noch wenige Staaten totalitär regiert, und in Ländern wie Brasilien, Kolumbien und Chile prosperiert die Wirtschaft.

Welt am Sonntag: Kennen Sie einen Intellektuellen, der als Politiker glücklich geworden ist?

Vargas Llosa: Václav Havel war ein effizienter Staatspräsident, und man hatte nicht den Eindruck, dass ihn sein Amt unglücklich machte. Jorge Semprún hat als Kulturminister in Spanien gute Arbeit geleistet und war am Ende seiner Amtszeit kein gebrochener Mann. Es ist also kein unumstößliches Gesetz, dass Künstler, die in die Politik gehen, unglückliche Versager werden. Es gibt allerdings ein strukturelles Problem: Intellektuelle haben kein Talent, Konzessionen und Kompromisse zu machen. Ihr Wesenskern ist die Treue zu ihren Überzeugungen. Deshalb versagen die meisten von uns, sobald sie sich ins politische Gehege begeben.

Welt am Sonntag: Haben Sie mal an die Revolution geglaubt?

Vargas Llosa: Ja. Als junger Mensch trieb mich der Hunger nach politischer Romantik. Ich sehnte mich nach Hingabe, Askese, Risiko und stürmischer Tat. Ich habe dem Linksutopismus abgeschworen, als ich in den Siebzigerjahren die Bücher des Sozialphilosophen Karl Popper zu lesen begann. Popper war mein Erweckungserlebnis. Das hat mich aber nicht zum Reaktionär gemacht.

Welt am Sonntag: Sie sind 1987 für drei Jahre in die Politik gegangen, weil Sie in Ihrem Heimatland Staatspräsident werden wollten. Was trieb Sie zu diesem Entschluss?

Vargas Llosa: Peru bot damals ein apokalyptisches Bild. Guerillabewegungen wie "Leuchtender Pfad" ermordeten Tausende Menschen, es gab Hyperinflation, Korruption und riesige Staatsfirmen, die vollkommen unfähig waren. Das wollte ich ändern. Wahrscheinlich hielt mein Unterbewusstsein Politik für ein erregendes Abenteuer. Auch der Reiz der Tat mag ein Motiv gewesen sein. Etwas in mir wollte mehr bewegen als den Stift übers Papier.

Welt am Sonntag: Was haben Sie in Ihren Jahren als Politiker über sich gelernt?

Vargas Llosa: Dass ich als Politiker völlig untauglich bin. Vom Schreibtisch eines Schriftstellers aus wirkt Politik nicht allzu schwierig, aber wie man das Romanschreiben lernen muss, muss man Politik lernen. Ich fühlte mich als Laiendarsteller in einem Medientheater und musste begreifen, dass das Fernsehen das wichtigste Instrument in einem Wahlkampf ist. Sie können die hehrsten Ideen haben, aber sobald es an ihre Verwirklichung geht, sind Sie in Intrigen, Verschwörungen, Paranoia, Verrat und Abgründe an Schmutz und Niedertracht versponnen. Wenn ich eins über den Morbus der Politik gelernt habe, dann dies: Der Kampf um die Macht lockt die Bestie in uns hervor. Was den Berufspolitiker wirklich erregt und antreibt, ist das maßlose Verlangen nach Macht. Wer diese Obsession nicht hat, wird der kleinlichen und trivialen Praxis der Politik angeekelt den Rücken zukehren.

Welt am Sonntag: Haben Sie den Kitzel der Macht gespürt?

Vargas Llosa: Nein. Seit meinen Kindertagen flößt Macht mir Misstrauen ein. Das liegt an meinem gewalttätigen Vater, dessen Schatten ich wohl nie loswerde. Aus Opposition gegen seine Tyrannei bin ich das geworden, was er am meisten verachtete: Schriftsteller.

Welt am Sonntag: Sie wurden im Wahlkampf mit Eiern bombardiert, mit stinkender roter Farbe übergossen und mit brennenden Autoreifen beworfen.

Vargas Llosa: Als ich in die Politik ging, lebte ich in einem Holzhaus. Ein einziger Molotowcocktail hätte genügt, mein Archiv in Flammen aufgehen zu lassen. Seither schicke ich meine Papiere zur Universität Princeton in New Jersey. Das Schlimmste war, dass ich bis zu fünfzehn Leibwächter haben musste. Wenn ich ins Kino wollte, setzte ich mir eine Perücke auf und schlich in den Saal, wenn der Film schon begonnen hatte. Ich hatte meine Freiheit verloren.

Welt am Sonntag: Als Sie im zweiten Wahlgang gegen Alberto Fujimori unterlagen, zogen Sie nach Europa.

Vargas Llosa: Ich fühlte mich gleichzeitig enttäuscht und befreit. Fujimori wurde 2009 wegen des Einsatzes von Todesschwadronen und Unterschlagung zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt, ich bekam ein Jahr später den Literaturnobelpreis. Das war eine späte Genugtuung.

Welt am Sonntag: Sie sind 77 Jahre alt. Als man Ihren Kollegen Philip Roth mit 78 fragte, was er als Nächstes schreiben wolle, antwortete er: "Ich habe mein gesamtes Leben dem Romanschreiben gewidmet. Jetzt will ich damit nichts mehr zu tun haben. Das war's."

Vargas Llosa: Glauben Sie niemals einem Schriftsteller, der sagt, er werde nichts mehr schreiben. Ich habe derartige Gelübde meiner Kollegen zu oft gehört. Wer so gut schreiben kann wie Roth, kann gar nicht aufhören, auch wenn er sich selbst den Befehl dazu erteilt. Denken Sie nur an den Schwur von Gabriel García Márquez, nichts mehr zu schreiben, bis der Diktator Augusto Pinochet seine Macht abgibt. Als Márquez ein Jahr später einen neuen Roman veröffentlichte, war Pinochet immer noch Herr über Chile. Wir Schriftsteller sind Hysteriker und halten uns nie an eigene Versprechen. Das gehört zu unserem Naturell.

Sven Michaelsen



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