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  • 19.05.2014 00:03 - Cor ne edito, "Iss nicht dein Herz"
von andreas.eick in Kategorie Allgemein.

Facebook und WhatsApp führen zu einer Kultur der Einsamkeit

Vor 400 Jahren schrieb der englische Philosoph, Politiker und Jurist Francis Bacon einen Essay mit dem Titel "Von der Freundschaft", der in Wahrheit von der Einsamkeit handelt. Genauer gesagt handelt er von jener besonders brutalen Form der Einsamkeit, bei der man nicht allein in seinem Kämmerlein sitzt, sondern sich unter lauter fremden Menschen aufhält. "Denn eine Menge ist keine Gesellschaft, und Gesichter sind nichts als eine Galerie von Porträts, und Unterhaltungen sind nur ein tönend Erz, wo du der Liebe nicht hast. Das lateinische Sprichwort drückt es in aller Kürze so aus: magna civitas, magna solitudo; denn in einer großen Stadt leben die Freunde weit verstreut, sodass man dort nicht jene Kameradschaft findet, die es, jedenfalls meistens, in kleineren Wohngebieten gibt."

Von Facebook konnte Francis Bacon nichts wissen, und doch hat er das Dilemma dieser Erfindung des Internetzeitalters treffend erfasst. Magna civitas, magna solitudo – je größer die Gemeinschaft, desto mehr wächst paradoxerweise auch die Einsamkeit. Und mittlerweile umfasst die Civitas den ganzen Planeten: Mancher Facebook-Nutzer ist elektronisch mit Leuten verbandelt, die weit verstreut in China, dem Iran, Rumänien und Kanada leben – und die er wahrscheinlich nie in seinem Leben treffen wird. Und wo du der Liebe nicht hast, sind all jene "Facebook Friends" nichts als eine Galerie der Porträts, die sie auf ihre Seiten stellen. Das Problem wird bestimmt nicht geringer werden, nachdem Mark Zuckerberg, der Gründer und Chef von Facebook, jetzt für 19 Milliarden Dollar (umgerechnet beinahe 14 Milliarden Euro) Whatsapp gekauft hat.

Diese Kleinfirma, für die nur 55 Leute arbeiten, stellt ein Anwendungsprogramm für internetfähige Mobiltelefone bereit, mit dem man beinahe kostenlos Textnachrichten, Fotos, Videos und Audiofiles versenden kann. Der Service – er wird von vielleicht 450 Millionen Menschen genutzt – verhält sich zur guten alten SMS so wie Skype zum Telefongespräch: Er macht die gängige Technik im Grunde überflüssig.

Dass Facebook jetzt WhatsApp geschluckt hat, folgt derselben kapitalistischen Logik wie der Ankauf eines Tante-Emma-Ladens, der eine besonders gute Wurstsorte feilhält und deshalb von Kundschaft überrannt wird, durch eine Supermarktkette, die Angst vor der potenziellen Konkurrenz hat. Davor muss niemand Angst haben. Der Tante-Emma-Laden wird nicht verschwinden, er wird nur geschäftlich nicht mehr unabhängig sein. Auch die Monopolbildung muss kein Mensch ernsthaft fürchten: Bisher ist es noch keinem kapitalistischen Konzern gelungen, die Konkurrenz dauerhaft an die Wand zu drücken, dafür dreht sich die Welt viel zu schnell. Wer sich eine Liste großer Firmen vornimmt, die auch nur ein halbes Jahrhundert alt ist, wird verblüfft feststellen, dass er kaum einen Namen darauf kennt.

Befürchten muss man vielmehr etwas anderes: die Kultur der Einsamkeit, die sich mit Facebook und WhatsApp durchsetzen könnte. Vor Kurzem lief in den amerikanischen Kinos ein Science-Fiction-Film, der einfach nur "Her" hieß, also "Sie". Er handelte von einem Schlemihl mit dem komischen Namen Theodore Twombly, der sich in eine Frau mit der rauchig-verführerischen Stimme von Scarlett Johansson verliebt. Er tanzt mit ihr, singt und spielt ihr Lieder auf seiner Ukulele vor, begleitet sie an den Strand, lässt sich von ihr lächelnd und mit geschlossenen Augen über einen Jahrmarkt führen, erkundet ihre Sinnlichkeit. Freilich nur mit seiner Stimme, denn das Ganze hat einen Schönheitsfehler: Diese Frau existiert gar nicht. "Sie" ist ein Computerprogramm und wohnt in einem winzig-superschlauen Mobiltelefon, das Theodore Twombly ständig in der Brusttasche mit sich spazieren trägt. Jeder seiner Versuche, mit einer Frau aus Fleisch und Blut ins Bett zu gehen, geht auf so komische wie schreckliche Weise schief. "Sie", das körperlose Computerprogramm, bleibt also die einzige Seelenverwandte des Antihelden, und so sehen wir ihn mutterseelenallein durch eine postmoderne Stadtlandschaft tänzeln: ein herzzerreißender Albtraum im Rosarot der Idylle.

"Der Vergleich des Pythagoras ist dunkel", schrieb Francis Bacon vor 400 Jahren, "aber er ist wahr: Cor ne edito, ,Iss nicht dein Herz'. Denn ganz gewiss sind – um es mit einem harten Wort zu sagen – jene, die keine Freunde haben, denen sie sich öffnen können, Kannibalen ihrer eigenen Herzen." Freilich zwingt uns niemand, dass wir uns der modernen Technik ausliefern. Wir haben die Freiheit, unsere Laptops zu deckeln, wir können unsere Mobiltelefone ausschalten (oder wenigstens leise stellen) und uns Leuten zuwenden, die gerade wirklich da sind. Cor ne edito. Friss nicht dein eigenes Herz in Einsamkeit.



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