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"Ich bin überzeugt, dass Burn-out ansteckend ist"

#1 von andreas.eick , 20.02.2015 20:38

Claudia Becker

Die Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen nehmen zu. Burn-out und Depressionen seien jedoch zwei verschiedene Diagnosen, erklärt Psychologin Ilona Bürgel und gibt Tipps zur Vorbeugung.

Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt, es geht uns so gut wie nie – dennoch nimmt die Zahl der psychischen Erkrankungen dramatisch zu. Ein Gespräch mit der Psychologin Ilona Bürgel über die Ursachen und die Frage, wie wir endlich glücklicher werden können.

Die Welt: Nach einer aktuellen DAK-Studie sind erstmals seit zehn Jahren die Fehltage wegen einer Burn-out-Diagnose zurück gegangen. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Fehltage durch Depressionen um 178 Prozent erhöht. Warum leiden immer mehr Menschen unter Depressionen?

Ilona Bürgel: Ich freue mich zunächst einmal, dass Sie die Nachricht aufgegriffen haben, dass Burn-out zurückgeht. Dazu gibt es nämlich bislang nur wenige Veröffentlichungen. Suchen Sie nach "Burn-out auf dem Vormarsch" finden Sie Tausende Treffer, es wird von Epidemien psychischer Erkrankungen gesprochen und genau darin liegt schon ein Teil des Problems.

Die Welt: Wie meinen Sie das?

Bürgel: Der Frage, ob psychische Erkrankungen generell auf dem Vormarsch sind, nehmen sich immer mehr Institutionen wie etwa das Robert-Koch-Institut an. Alle kommen zu dem Ergebnis, dass sie nicht zunehmen, sondern die Art der Krankschreibung zunimmt. Vor allem aber sind sie ein öffentliches Thema geworden, sodass Ärzte, Unternehmen und Betroffene sie eher ansprechen und somit auch eher krank geschrieben wird.

Die Welt: Sind Ärzte zu schnell mit der Diagnose einer psychischen Erkrankung?

Bürgel: Ärzte sind immer besser ausgebildet und erkennen sie früher. Der veränderte Umgang mit Diagnosen erklärt auch, warum Burn-out zurück geht, während Depressionen zunehmen. Für Burn-out verwenden die Kassen keinen klaren Diagnoseschlüssel. Bei Depressionen sind die Abgrenzung und der Diagnoseschlüssel eindeutiger. Unabhängig davon bin ich überzeugt, dass Burn-out ansteckend ist.

Die Welt: Wie ein Schnupfen?

Bürgel: Nicht ganz. Die Psychologen Charlotte Kraus und Simon Hahnzog haben nachgewiesen, dass wir durch die ständige Berichterstattung über die Zunahme psychischer Erkrankungen eigene Symptome suchen und interpretieren. Meines Erachtens geht es uns heute überhaupt erst so gut, dass wir es uns leisten können, uns ständig mit uns selbst zu befassen und uns an den Maßstäben des Dauerglücks zu messen. Natürlich gibt es gerade bei Depressionen viele Ursachen, die angeboren sind oder Reaktionen auf traumatische Ereignisse. Ich bin mir aber sicher, dass die Art, wie wir leben, dazu beiträgt. Und dieses Wertesystem, ist "ansteckend" im Sinne der Weitergabe in Familie und Gesellschaft.

Die Welt: Was machen wir falsch?

Bürgel: Jede Gesellschaft hat Krankheiten, die zu ihr passen. Wir leben in einer Welt, in der es uns so gut geht wie nie und in der wir doch immer unglücklicher werden. Das hat mit Beschleunigung zu tun, mit Digitalisierung oder Veränderungsdruck. Aber das ist es nicht allein. Unsere Denkkultur heißt Selbstoptimierung, Dauerglück und ständig steigende Ansprüche. Es ist schick, omnipotent, super gut drauf und erfolgreich zu sein und das immer. So etwas gibt es nicht. Die fremden und eigenen Erwartungen puschen sich gegenseitig. Der Preis, den wir zahlen heißt Selbstüberforderung, Dauerstress und vor allem Angst. Die Angsterkrankungen liegen ja in der Prävalenz noch vor den Depressionen und wir alle kennen die alltäglichen Ängste zu versagen, nicht gut genug zu sein, nicht gemocht zu werden.

Die Welt: Ist das nicht ihre subjektive Wahrnehmung?

Bürgel: Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Stresslevel und Gesundheitsproblemen. Das zeigt die letzte TK-Stressstudie. Von denen, die häufig unter Stress leiden, beklagen 65 Prozent Erschöpfung und Ausgebranntsein, 52 Prozent Schlafprobleme, 28 Prozent niedergedrückte Stimmungen. Bei Menschen mit wenig Stress treten diese Symptome unterdurchschnittlich auf.

Die Welt: Macht unser Arbeitsleben krank?

Bürgel: Die Arbeit ist nicht immer Schuld. Private Sorgen belasten die Gesundheit mehr. Arbeit an sich macht nicht krank, sondern, wie wir damit umgehen. Wenn 70 Prozent der Menschen sagen, dass ihre Arbeit Freude bereitet, sie auf der anderen Seite Stressor Nummer eins ist, dann stimmt etwas nicht. Arbeit gibt Sinn, Struktur und Entfaltungsmöglichkeiten.

Das Wohlbefinden bei der Arbeit hat einen doppelt so hohen Einfluss auf das Gesamtwohlbefinden wie das finanzielle oder physische. Natürlich verändern sich die Anforderungen. Aber wir haben immer noch selbst Spielraum, den wir häufig gar nicht nutzen, denken wir an lange Mittagspausen, Gleitzeit oder Mitspracherechte.

Die Welt: Werden Depressionen und Burn-out noch zu wenig als gesamtgesellschaftliches Problem betrachtet?

Bürgel: Wir zeigen immer aufeinander, die Unternehmen auf die Gesellschaft, der Einzelne auf die Unternehmen, die Gesellschaft auf Unternehmen und Einzelne. Das kann ewig so weitergehen und natürlich haben alle ihren Anteil. Aber wir benötigen vor allem eines: Einen Wertewandel hin zu menschlichen, nicht nur unternehmerischen Sinnfragen.

Wir brauchen Arbeitsbedingungen, die familienfreundlicher werden und jeden Einzelnen, der die Verantwortung für Gesundheit und Wohlbefinden nicht länger auf Arbeitgeber und Krankenkasse schiebt, sondern täglich bessere Entscheidungen trifft. Wir haben das Land mit den meisten Urlaubstagen, das Bruttoinlandsglück wird neben dem Bruttoinlandsprodukt diskutiert. Doch die größte und am schnellsten wirksame Reserve sind wir selbst.

Wir haben große Schutzfaktoren selbst in der Hand, die wir zunehmend vernachlässigen: Selbstfürsorge sowie das soziale Umfeld. Freunde und Familie kommen immer öfter zu kurz und wir selbst noch mehr. Denn wir kümmern uns so um uns, wie wir sparen: Wenn etwas übrig ist und das ist es fast nie.

Die Welt: Wie können wir glücklicher werden?

Bürgel: Nur wenn wir selbst besser für uns und unsere Bedürfnisse sorgen, haben wir doch etwas zum Abgeben. Wir sind unabhängig davon, wie oft der Chef lobt oder ob die Kinder aufgeräumt haben. Je mehr wir uns hinten anstellen, umso eher sind wir bereit, immer mehr zu leisten, um Erfolg und Anerkennung zu bekommen. Wir arbeiten uns kaputt für Dinge, die uns nur kurzfristig glücklich machen. Besser, als sich ständig mit Problemen, Mängeln und Enttäuschungen zu befassen wäre es, stärkenorientiert zu denken. Wir alle haben psychische Stärken wie Mut, Optimismus oder Freundlichkeit. Wir vergessen sie nur zu schnell.

Die Diplompsychologin Ilona Bürgel, 50, lebt und arbeitet in Dresden und in Aarhus. Die Vertreterin der Positiven Psychologie will den Blick auf individuelle Stärken lenken. 2014 erschien ihr Buch "Die Kunst, die Arbeit zu genießen" (Verlag Kreuz, 14,99 Euro).


The Master of Desaster

 
andreas.eick
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